Umweltagenda Basel
«Vorbilder von heute für morgen»
9. – 11. Juni 2017
Vom Publifon zum Buchtauschplatz
Madeleine Grolimund, Initiantin «Bücherkabine am Bundesplatz»

In der Bücherkabine am Bundesplatz trifft man den kleinen Prinzen und besucht die alte Dame: Das frühere Swisscom-Publifon ist heute Tauschparadies für Leseratten. Madeleine Grolimund, Initiantin des Projekts, schätzt nicht nur die literarischen Kunstwerke, sondern auch den Austausch mit den Büchernarren.

Seit den Dreissigerjahren hingen in der Litfasssäule am Bundesplatz ein öffentlicher Telefonapparat und ein angestaubtes Telefonbuch. Heute reihen sich stattdessen packende Romane und spannende Erzählungen auf den neu eingezogenen Holzregalen. «Hier dürfen Sie Bücher mitnehmen oder tauschen», sagt die Anschrift auf der Glastür. Das Prinzip des offenen Bücherschranks ist ziemlich simpel: Nimm eins, bring eins – ein Geben und Nehmen, salopp gesagt. So begeistert das Gratisangebot Menschen aller Altersgruppen und mit den unterschiedlichsten Muttersprachen: «Bei uns finden Sie englische, französische, ja sogar niederländische oder kroatische Literatur», so Madeleine Grolimund, sichtlich stolz auf das vielfältige Repertoire der Bücherkabine. Die 75-Jährige ist Betreuerin der Kabine am Bundesplatz und hat das Projekt im Jahr 2018 ins Rollen gebracht.

Der Austausch mit den Bücherfans und die Begegnungen, die man macht, liegen mir sehr am Herzen.
Madeleine Grolimund

«Beim Gedanken daran, Bücher fürs Altpapier zu bündeln, blutet mir das Herz», sagt die leidenschaftliche Leserin. Sie habe sich deshalb schon immer damit schwergetan, sich von ihren literarischen Lieblingsstücken zu trennen. Als Swisscom nach und nach den Dienst ihrer Publifone einstellte, kam ihr die Idee, man könne doch die alten, teils vermüllten Telefonkabinen zu kleinen Büchertauschbörsen umfunktionieren. Damit schenkt man den ausrangierten Krimis, Romanen und Biografien ein zweites Leben und kann Gleichgesinnte mit neuem Lesestoff inspirieren. Auf Anfrage beim Kommunikationsunternehmen hiess es bloss, die Kabinen hätten ausgedient und würden an die Kantons- und Stadtentwicklung abgetreten. So tat sich Grolimund mit ihrer Freundin Johanna Gloor-Bär zusammen – damals beide Vorstandsmitglieder des neutralen Quartiervereins Bachletten-Holbein – und machte sich für die Umnutzung der Kabinen stark. Seit bald zwei Jahren nun ist das Bachletten-Holbein-Quartier einer von fünf Standorten in Basel, wo in einer ehemaligen Swisscom-Zelle Bücher getauscht werden. Über ein Dutzend Besucherinnen und Besucher stöbern täglich im bunt zusammengewürfelten Sortiment. «Besonders viel Freude bereiten mir die Begegnungen und der Austausch mit den Büchernarren», schwärmt Grolimund. So schätzt die ehemalige Supervisorin und Organisationsentwicklerin neben dem Umgang mit der Literatur auch den sozialen Aspekt des Büchertauschangebots.

Wir wollen nicht nur die ordentlichste, sondern auch die schönste Bücherkabine Basels sein.
Madeleine Grolimund

Was Grolimund immer aufs Neue erstaunt: Innerhalb nur weniger Stunden kann es im Bücherschrank schon wieder komplett anders aussehen – wenn sich wieder mal ein etwas unpassender Gegenstand zwischen Cornelia Funkes «Tintenherz» und Antoine de Saint-Exupéry’s «Le Petit Prince» verirrt. «Wir fanden schon Zimmerpflanzen oder eine gerahmte Stickweberei zwischen unseren Bücherregalen», erzählt Grolimund. Vandalismus oder Schmierereien gab es jedoch bis dato kaum. «Und so bleibt es hoffentlich auch.» Regelmässige Aufräumaktionen seien allerdings unerlässlich: Die zuständige Betreuerin geht alle zwei bis drei Tage vorbei. Denn sonst würde die Kabine regelrecht überhäuft und schliesslich wolle man nicht als Entsorgungsdeponie hinhalten. Nach zwei Wochen gibt sie die Verantwortung an eine ihrer sieben Kolleginnen weiter. «Wir hören immer wieder, wir hätten die ordentlichste Bücherkabine von Basel. Wir wollen aber die schönste sein», stellt Grolimund klar. Und dafür sei es eben nötig, regelmässig die Regale zu kontrollieren sowie Boden, Scheiben und Tablare zu putzen. 300 bis 400 Franken stellt der Quartierverein für Reinigungsmaterial und kleinere Reparaturen jährlich zur Verfügung. Für die erste Installation investierte man aber weit mehr: über 7000 Franken – ein grosser Teil davon kam von der Christoph Merian Stiftung. Die Grundreinigung, Schleif- und Montagearbeiten übernahmen Profis. Auch eine Türe musste her. Denn diese fehlte zu Beginn komplett. Um der Kabine den passenden Anstrich zu verpassen, wählte der Basler Künstler Daniel Zeltner ein Motiv aus Büchern und Regalen in frischem Grün, Gelb und Blau. Neben dem verschneiten Türgriff sitzt die Leseratte des Bücherkabinetts und wacht pflichtbewusst über den automatischen Eingangsknopf: Von 20 bis 7 Uhr ist das Tor zum Literaturschatz verriegelt.

Publiziert im Februar 2021

Weitere Bücherschränke in Basel

Bücherkabine Bachletten
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Buchstopp Riehen – Kornfeld
Kreuzung Lachenweg / Grenzacherweg

Abfall, Recycling, Ressourcen

Interview: Sara Meier
Foto: Bettina Hägeli

Kurzprofil
Madeleine Grolimund
Mitglied im Neutralen Quartierverein Bachletten-Holbein (NQVB-H)
Initiantin der Bücherkabine am Bundesplatz

Bücherkabine

Weitere Vorbilder
Raphael Hirschi

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