Umweltagenda Basel
«Vorbilder von heute für morgen»
9. – 11. Juni 2017
Wir wollen etwas Sinnvolles für die Nachhaltigkeit machen
Jenny Grandjean und Simon Aeschbacher, «Foodyblutt»

Unverpackt, fairtrade, ökologisch, sinnvoll, sozial – und dann auch noch mit einem frechen Namen, der einen zum Schmunzeln bringt: «Foodyblutt» heisst der Unverpackt-Laden im St. Johann, für den sich Jenny Grandjean und Simon Aeschbacher ehrenamtlich engagieren.

Haferflocken, Pasta und Oliven sind hier der Renner. Es gibt Getreide aus dem Fricktal, Essig aus Omas Garten, selbstgemachte Kosmetik und Putzmittel als Konzentrat. Das Geschäft «Foodyblutt», das Ende 2019 im St. Johann in Basel eröffnet hat, ist viel mehr als nur ein Laden ohne Verpackungen: Die Produkte sind meistens von Bio- oder Demeter-Qualität und werden so lokal wie möglich produziert und eingekauft; die Herstellerinnen und Hersteller erhalten faire Löhne; und wenn möglich werden die Erzeugnisse ökologisch per Zug oder Lastenrad ins Quartier transportiert. «Der Kaffee aus Mexiko kommt sogar mit dem Segelschiff nach Europa», erklärt Simon Aeschbacher, der lächelnd den entsprechenden Behälter öffnet und die Besucherin an den wunderbar duftenden Kaffeebohnen riechen lässt. Der 34-Jährige steht regelmässig hinter der Ladentheke, zudem betreut er die Webseite und führt die Buchhaltung.

Ich wollte endlich nicht mehr nur reden, sondern handeln.
Jenny Grandjean

Jenny Grandjean setzt sich ebenfalls ehrenamtlich für das Geschäft ein. Neben dem Verkauf gehört die Grafik, die Gestaltung des Schaufensters und die Überwachung des strengen Hygienekonzepts zu ihren Aufgaben. Nachdem die gebürtige Neuenburgerin ihren Job in einem Architekturbüro bereits gekündigt hatte, um «etwas Sinnvolleres zu machen», kurvte sie letztes Jahr mit ihrem Cargobike an der Ladenlokalität vorbei und entdeckte auf einem Aushang, dass «Foodyblutt» noch helfende Hände suchte. Seither gehört sie zum achtköpfigen Kernteam, das von zwei Verkäuferinnen unterstützt wird. «Ich wollte nicht mehr nur reden, sondern endlich handeln und meinen Beitrag für eine saubere und bessere Umwelt leisten», sagt die 42-Jährige. Schliesslich erklärt sie täglich auch ihren drei Kindern, warum sie als Familie ohne Auto leben, wiederverwendbare Sachen benutzen, den Abfall trennen und sich nicht ins Flugzeug setzen. Und, ja: Ihre Kinder verstehen das.

Wir waren Amateure, aber es hat funktioniert.
Simon Aeschbacher

Simon Aeschbacher lebte mit den beiden Initianten des Projekts in einer Wohngemeinschaft und bekam die Diskussionen mit, so auch das Brainstorming rund um den gelungenen Namen «Foodyblutt». Mit der Zeit gelangte er zur Überzeugung, dass auch er etwas zu diesem sinnvollen Projekt beitragen wollte. Präsent sind ihm zudem die Eindrücke von einer längeren Reise, die ihn in den Norden Kolumbiens führte: «Ich sehe noch die Sträucher an der Grenze zu Venezuela vor mir: Blätter hatten die Büsche keine, stattdessen hingen lauter Plastikfetzen an den Ästen.» Nach dieser Reise war für den Physiotherapeuten klar: Er wollte nur noch Teilzeit in seinem Beruf arbeiten und sich in der freien Zeit für den Unverpackt-Laden engagieren.
Dank eines Crowdfundings im kleineren Rahmen spendeten Sympathisanten über 30'000 Franken für «Foodyblutt». In der Schweiz sei viel möglich, freut sich Aeschbacher darüber, der auch anderen rät, Neues auszuprobieren und mutig zu sein. «Wir waren Amateure und es hat funktioniert. Heute wird uns viel Wertschätzung entgegengebracht. Das ist megaschön.» Natürlich sind die Fairtrade- und Bio-Produkte teurer als beim Detailhändler. Doch es sei lächerlich, was man heute etwa für Kaffee bezahle. «Wir müssen endlich umdenken und uns fragen, wie viel ein Produkt wirklich wert ist.»

Der Kauf eines Produkts kann ein Bewusstsein schaffen.
Jenny Grandjean

Eine Kundin habe ihm erklärt, dass sie nicht über viel Geld verfüge, sich jedoch bewusst entschieden habe, mehr Geld fürs Essen auszugeben. Das mache er ebenso. Ausserdem schmeckten die Produkte ja auch super. «Und es gibt ein gutes Gefühl, wenn man weiss, dass der Bauer einen fairen Lohn erhalten hat und das Produkt ökologisch produziert und transportiert wurde», ergänzt Jenny Grandjean. Ihr ist durchaus bewusst, dass eine Familie, die finanziell nicht allzu gut ausgestattet ist, keinen Grosseinkauf bei «Foodyblutt» machen kann. «Aber vielleicht kann sie einzelne Produkte herauspicken und dabei ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit entwickeln.»
Jenny Grandjean hat sich zusätzlich als Grafikerin selbstständig gemacht. Sollte sie nicht mehr genug Aufträge haben, muss sie sich wieder eine Stelle suchen. Erwartungen, dass sie bei «Foodyblutt» einmal für ihre Arbeit entlöhnt werden, haben weder sie noch ihr Kollege. Auch Basel Unverpackt – ihrer «grossen Schwester» am Erasmusplatz, von der sie stark unterstützt worden seien – konnte erst nach zwei Jahren etwas Lohn auszahlen. Originell über die Bühne ging bei «Foodyblutt» übrigens die Suche nach einer geeigneten Lokalität: Die fand nämlich gar nicht statt. Der Vermieter selbst hatte die Idee, dass hier in seine Räumlichkeiten ein Unverpackt-Laden gehört.

Ernährung

Autorin:
Interview: Regula Wenger
Fotos: Regula Wenger

Kurzprofil:
Foodyblutt
Mittlere Strasse 82
4056 Basel
www.foody-blutt.ch

Öffnungszeiten:
Mo: 10 bis 14 Uhr
Di geschlossen
Mi: 14 bis 16 Uhr
Do: 10 bis 18 Uhr
Fr: 10 bis 14 Uhr
Sa: einmal im Monat

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