Umweltagenda Basel
«Vorbilder von heute für morgen»
9. – 11. Juni 2017
Eine Sitzung für die Umwelt
Jojo Linder, Kompotoi

Auch ausser Haus wünscht man sich oft ein ruhiges Plätzchen für das kleine oder grössere Geschäft. Statt auf eine anonyme Metallanlage oder eine schmuddelige Plastikbehausung setzt die Freizeitanlage Hinter Gärten in Riehen auf ein Kompostklo.

Reges Treiben und munteres Kindergeschrei – es ist kurz vor 14 Uhr auf dem Hinter-Gärten-Areal in Riehen. Die letzten Minuten vor Schulbeginn wollen schliesslich noch gebührend ausgekostet sein. Ein paar wenige Meter neben dem Schulhofplatz, auf dem öffentlichen Parkgelände, steht ein 2,2 Meter hoher, hellbrauner Holzkasten. Die schwarze Aufschrift «Kompotoi» lässt den Zweck des Möbels erahnen, der leichte Geruch aus nächster Nähe bringt Bestätigung: Das Kompotoi ist die mobile, rollstuhlgängige Toilette der gleichnamigen Firma aus Zürich.

Zur Schiebetür der Miettoilette führt eine breite Holzrampe, die problemlos per Rollstuhl befahren werden kann. Das Innere des Holzobjekts ist ausgestattet mit Toilettenschüssel, Haltevorrichtungen für handicapierte Personen, Pissoir und Lavabo. Mit dem Wasserkanister und dem Seifenspender zur Handhygiene bietet das Kompotoi eine flexible und komfortable Lösung für die Parkbesucherinnen und -besucher.

Das Alternativ-Klo mit ökologischem Nebeneffekt wurde im Rahmen der neugestalteten Freizeitanlage im Riehener Hinter-Gärten-Areal installiert. «Sie ist eine ideale Alternative zur kostspieligen, automatisierten WC-Anlage, die man sonst auf öffentlichen Plätzen in der Stadt antrifft», sagt Christian Jann, Leiter Ver- und Entsorgung der Gemeinde. 150'000 bis 170'000 Franken kostet eine solche stählerne Investition. «So viel Geld hatten wir nicht vorgesehen.» Deshalb musste ein günstiger, aber doch funktionaler Ersatz her. Die wichtigsten Kriterien: stimmiges Preis-Leistungsverhältnis, geringer Reinigungsaufwand und vor allem keine billige Kunststoffhütte, die beim ersten Windstoss davonrollt. «Der ökologische Hintergrund der Kompostverarbeitung ist natürlich ein weiterer Pluspunkt dieser Variante und hat uns erst recht überzeugt», so Jann. Das Kompotoi habe sich somit eindeutig als die beste Alternative zum vollautomatisierten Metallgehäuse erwiesen. Seit drei Jahren steht das Mietobjekt jetzt bereits im Park. Die jährlichen Kosten für Miete und Unterhalt belaufen sich im Fall des Riehener Kompotoi auf 8400 Franken. Christian Jann: «Ein angemessener Betrag im Vergleich zur Luxus-Variante aus Stahl und gleichzeitig eine super Investition in die Umwelt.»

Im Sommer müssen wir mindestens zweimal pro Woche vorbeigehen.
Jojo Linder

Die Gemeindeverwaltung ist nicht direkt für den Unterhalt der Toilette zuständig. Dafür hat man eine Miet- und Unterhaltsvereinbarung mit der Firma Kompotoi getroffen, die sämtliche Reinigungs- und Wartungsarbeiten abdeckt. «Ein Kompotoi hat eine Kapazität von circa 500 Benutzungen», sagt Jojo Linder, Mitgründer der umweltvertraglichen Alternativtoilette. So reiche je nach Standort eine zweiwöchige oder gar monatliche Entleerung. In den meisten Fällen sei aber eine häufigere Kontrolle wichtig, um die hygienischen Voraussetzungen zu gewährleisten, WC-Papier zu liefern und Wasser sowie Substrat und Handseife nachzufüllen. Im Winter wird das Riehener Kompotoi relativ wenig genutzt. So habe man vertraglich einen wöchentlichen Kontrollgang für Reinigung und Nachlieferung vereinbart. «Im Sommer müssen wir allerdings schon mindestens zweimal pro Woche vorbeikommen», so Linder.

Menge und Temperatur müssen stimmen.
Jojo Linder

Nach dem Toilettengang wird ein Fusshebel betätigt, der das mechanische Förderband in der Toilettenschüssel in Gang setzt. «Die Exkremente werden auf dem Förderband in ein Sammelbecken geleitet, das sich in einer Holzvorrichtung hinter dem Toilettenhaus befindet», erklärt Linder. «Das Material bringen wir nach Entnahme mit einem Transporter vorerst noch zu uns ins Lager und weiter zu einem der Kompostierpartner in Zürich oder Luzern.» Dort verfüge man über die notwendige Infrastruktur und könne die richtige Menge sowie die geeignete Temperatur des Materials sicherstellen, damit ein hygienisch einwandfreier Prozess stattfinden kann. Sobald es sich mengenmässig lohne, werde man für die Kompostierung des Materials aus Riehen aber einen neuen Partner in der Region berücksichtigen. Nach einer acht- bis zehnwöchigen Zersetzungsphase wird aus den Exkrementen wertvoller Kompost, der an die Landwirtschaft und Gärtnereien abgegeben wird. Vorbildlich ist nicht nur die ökologische Verwertung des Materials, sondern auch der Umgang mit Wasser: Eine konventionell betriebene WC-Anlage mit herkömmlicher Spülfunktion benötigt im Durchschnitt acht Liter Wasser pro Spülgang – das Kompotoi null.

Publiziert im Mai 2021

Abfall, Recycling, Ressourcen

Interview: Sara Meier
Fotos: Sara Meier

Kurzprofil
Kompotoi AG
Flurstrasse 85
8047 Zürich
kompotoi.ch
Jojo Linder
jojo(at)kompotoi.ch
 

Weitere Vorbilder
Fabian Müller

Weg vom stinkenden Benzingenerator - hin zum solarbetriebenen DJ-Pult im Velo-Anhänger. Was als Master-Arbeit gedacht war, hat Fabian Müller zum Ecodesign-Projekt entwickelt, welches zeigen soll, dass man Open-Air-Partys auch umweltfreundlich gestalten kann.

Mehr...
Werner Schällmann

Nähmaschinen, Stereoanlagen und Akku-Rasierer: Es gibt kaum ein Gerät, das Werner Schällmann nicht reparieren kann. Das hat sich herumgesprochen: Der gelernte Chemikant ist inzwischen schweizweit bekannt und kann sich vor Aufträgen kaum retten.

Mehr...