Umweltagenda Basel
«Vorbilder von heute für morgen»
9. – 11. Juni 2017
Im Freien fürs Leben lernen
Natalie Oberholzer «Naturforum Regio Basel»

Der Waldboden, die Hecke am Waldrand oder das Bachufer eignen sich hervorragend als Schulzimmer, ist Natalie Oberholzer überzeugt. Die Biologin leitet das Naturforum Regio Basel, das sich der naturbezogenen Umweltbildung verschrieben hat. Denn lernen in der Natur sensibilisiert für die Umwelt und wirkt erst noch der Bewegungsarmut entgegen.

Der Sek-Schüler, der im Wald einen Stromanschluss suchte, um sein Handy aufzuladen; oder die Dreieinhalbjährige, die angesichts der herbstlichen Blätterberge in der Waldspielgruppe wissen wollte, wann denn die Strassenreinigung vorbeikomme. Solche Erlebnisse sind für Natalie Oberholzer (52) ein Beweis dafür, dass sich Kinder und Jugendliche viel zu selten in die Natur aufhalten. «Ich sehe es bei meiner eigenen Tochter: Die Zeit in der Waldspielgruppe hat ihre Wahrnehmung nachhaltig geschärft, den Respekt für andere Lebewesen gestärkt und sie besucht den vertrauten Wald heute noch gerne zur Entspannung.» Oberholzer selbst, die dank der Pfadi den Wald schon früh hautnah erlebte, geht dort regelmässig joggen und geniesst auch mal auf einer Lichtung mit Nachbarn ein Fondue.

Am Ende der Nullerjahre boten Pädagogen interessierten Schulklassen und anderen Gruppen erstmals Spurenlesen oder einen Beobachtungsausflug an. Als junge Mutter nutzte die Biologin für ihre jüngste Tochter das Angebot einer Liestaler Waldspielgruppe – und war begeistert: 2010 gründete sie dann mit drei Mitstreiterinnen das Naturforum Baselland als Netzwerk mit gemeinsamer Plattform für naturbezogene Umweltbildung. Weil immer mehr Anbieter und Anfragen aus dem Stadtkanton dazukamen, nennt sich der Verein heute Naturforum Regio Basel.

Die Lehrpersonen sollen lernen, selbst regelmässig einen Naturerlebnistag abzuhalten.
Natalie Oberholzer, Geschäftsleiterin Naturforum Regio Basel

Es gehört zu den Zielen des Forums, Umweltpädagogik in der Natur zu fördern und regionale Angebote zu vermitteln. Zudem pflegen die heute 45 aktiven Vereinsmitglieder den Erfahrungsaustausch und bündeln das Lobbying. Bis jetzt wurden leider noch keine Gelder von der Bildungsseite für diese Naturpädagogik gesprochen. Immerhin, dank Beiträgen des Amts für Wald beider Basel und verschiedener Stiftungen konnten in diesem Jahr 75 Schulklassen aus den beiden Basler Kantonen für 75 Franken ein Kursangebot beanspruchen. «Die Warteliste ist lang», gibt Oberholzer aber zu bedenken.

Doch sollten Primarschülerinnen und -schüler nicht besser Sprachen und Mathe büffeln, statt sich im Wald Tannzapfenschlachten zu liefern? «Lernen in der Natur ist enorm vielfältig», so die Naturforum-Geschäftsleiterin. Natürlich wird in Gummistiefeln und Windjacke auch Wissen – etwa über die Photosynthese – vermittelt. Und selbst Mathe und Sprachunterricht kann zwischendurch ganz gut im Wald stattfinden. In erster Linie spricht der Unterricht im Grünen jedoch die Sinne an. Zusätzlich motiviere die Lektion in der freien Natur zur körperlichen Aktivität und stärke die Sozialkompetenz. Das ist enorm wichtig, zumal Kinder und Jugendliche aus der Agglomeration heute oft unter einem eigentlichen Naturdefizitsyndrom leiden. Zu hoffen sei, dass Lehrpersonen, die einmal einen solchen Halbtag gebucht haben, in der Folge häufiger mit ihrer Klasse den Wald aufsuchten – das Naturforum bietet dafür eigens eine Lehrerfortbildung an.

Das waldpädagogische Grundkonzept von Liestal könnte Vorbildcharakter haben.
Natalie Oberholzer, Geschäftsleiterin Naturforum Regio Basel

Für die Co-Inhaberin der ecoviva-Umweltagentur ist die Naturforum-Geschäftsstelle weit mehr als ein Mandat unter vielen: Für sie ist naturbezogene Umweltbildung ein Herzensanliegen. Dementsprechend bietet sie selbst drei Themenmodule zu Tierspuren, Pflanzenfarben und Waldbäumen an. Besonders stolz ist sie jedoch auf einen Vorstoss, den sie letztes Jahr in ihrer Funktion als Liestaler Einwohnerrätin eingebracht hat und der von allen Parteien unterstützt wird. Jetzt entwickelt der Kantonshauptort ein waldpädagogisches Grundkonzept, das es allen Kindern ermöglichen soll, ausserschulischen Unterricht in der Natur zu geniessen. Liestal könnte damit schweizweit zur Pioniergemeinde werden.

Am 13. Juni 2020 feiert das Naturforum Regio Basel sein zehnjähriges Bestehen mit einem Naturfestival im Liestaler Stedtli. «Bei dieser Gelegenheit wollen wir verdeutlichen, dass Waldpädagogik nicht für trockene Exkursionen steht. Vielmehr gehe es um lustvolles Werken und Erforschen mit dem, was der Wald zu bieten hat, um intensives Erleben, sinnliches Erfahren und Lernen.» Oberholzer ist überzeugt: Wenn Kinder einmal aus selbst gepflückten Lindenblüten Tee gekocht haben oder Haselnüsse sammeln und dabei bemerken, dass auch Specht, Haselmaus und Haselnussbohrer sich daran gütlich tun, nehmen sie diese Umwelt auf einen Schlag anders wahr.

Tiere, Pflanzen, Natur

Autor: Pieter Poldervaart
Fotos: Pieter Poldervaart und zVg
Kurzprofil:
Verein Naturforum Regio Basel
Benzburweg 18
4410 Liestal

www.naturforum-regiobasel.ch

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