Umweltagenda Basel
«Vorbilder von heute für morgen»
9. – 11. Juni 2017
Bio-Kreislauf auf Rädern
Raphael Hirschi, «Radschaft»

Seit 2019 betreibt Raphael Hirschi mit einer Kollegin und zwei Kollegen das Kreislaufprojekt «Radschaft»: Per Lastenvelo sammeln sie im Gundeli Bioabfälle ein, um sie auf dem Güterbahnhof Wolf zu kompostieren. Die Nachfrage zeigt, dass viele Menschen die sinnvolle Verwertung ihrer Rüstabfälle schätzen.

«Manchmal ist es wie Eiersuchen», meint Raphael Hirschi. Und manchmal stehen die Kompostsäcklein gut sichbar bereit. Immer mittwochs sammelt Raphael Hirschi im Zweierteam mit dem Lastenvelo im Gundeliquartier Bioabfälle von Privathaushalten ein. Per App signalisieren die Kundinnen und Kunden bis spätestens Montagmittag, ob sie Bedarf für den Abholservice haben. Raphael Hirschi teilt mit einer Kollegin oder einem Kollegen das Quartier in einen oberen und einen unteren Teil ein. Er startet an der Margarethenstrasse und schliesst die Tour an der Thiersteinerallee ab. Der Bioabfall kommt in eine der Kunststoffboxen im Lastenvelo und wird am Schluss der Tour auf den Güterbahnhof Wolf gefahren. Hier hat das Team auf einem 120 Quadratmeter grossen Abschnitt des Parkplatzes eigens einen Kompostplatz eingerichtet. Wöchentlich kommt neues organisches Material dazu und wird mit Steinmehl und Häcksel angereichert, das die Holzenergie-Grünrecycling Kym Bennwil zur Verfügung stellt.

Mich interessieren Kreisläufe.
Raphael Hirschi

Als Raphael Hirschi vor sieben Jahren (2013) von Muttenz nach Basel umzog, war er überrascht, dass hier die Möglichkeiten so spärlich sind, organische Abfälle sinnvoll zu entsorgen. Er war es von seinem Elternhaus her gewohnt, die Küchenabfälle auf den Komposthaufen zu werfen. Der gelernte Informatiker hat soziale Arbeit studiert und schliesst im Herbst den Bachelor im Institut Hyperwerk der FHNW ab: Konzepte zu entwickeln, die als Ganzes Sinn machen, ist seine Passion. Beim organischen Abfall ist der Kreislauf für Raphael Hirschi erst dann ganz geschlossen, wenn der eingesammelte und kompostierte Bioabfall als Erde wieder zu den Haushalten zurückgebracht werden kann; aktuell ist noch offen, ob in Zukunft ein regionaler Bauer oder urbane Gärten den Dünger übernehmen. Gestartet hat der 30-Jährige mit drei weiteren Sammlerinnen und Sammlern das Kreislaufprojekt Radschaft im Mai 2019. Mit ihrem halbjährigen Testlauf im letzten Jahr, der damals auf fünf Strassenzüge im Gundeli begrenzt war, überzeugte das Team das Amt für Umwelt und Energie Basel-Stadt. Das Quartett erhielt die Konzession, das Vorhaben auf das gesamte Quartier auszuweiten. Das Gundeli eignet sich besonders gut für das Experiment: Es hat kaum Höhenunterschiede, die per Pedal bewältigt werden müssen, und viele Strassen und Trottoirs sind breit genug, um mit dem vier Meter langen elektrischen Lastenvelo plus Anhänger zu manövrieren. Seit Kurzem bedient das Projekt über 100 Haushalte, was im Durchschnitt wöchentlich 350 bis 400 Kilogramm Grünmaterial ergibt. «100 Haushalte, das ist ein wichtiger Meilenstein», sagt Raphael Hirschi stolz. Seit der Corona-Zeit empfiehlt das Team kompostierbare Sammelsäcke, um die Berührung von Kompostkübeln zu umgehen. Die Gebühr für die Abholung beträgt 15 Franken monatlich oder wöchentlich vier Franken.

Der Mittwoch soll ganz selbstverständlich für die Bioabfall-Sammlung werden.
Raphael Hirschi

Raphael Hirschi, Sara Vulovic, Nik Dinter und Joshua Theurich feilen am Angebot, indem sie das Abholen mit Beliefern kombinieren: Aktuell bringen sie auf Bestellung Dinkel-Sauerteigbrot der Basler Biobäckerei Löwebrot ins Haus, das sich durch lange Haltbarkeit auszeichnet. Das Kollektiv ist mit weiteren Produzentinnen und Produzenten nachhaltiger Produkte für eine Zusammenarbeit im Gespräch. «Es braucht viel Geduld und eigentlich auch Stiftungen und Sponsoren, die finanziell helfen, das Projekt auszubauen», räumt Raphael Hirschi ein. Zukünftig will die Radschaft auch Restaurants und Büros für ihr Angebot gewinnen. Mit dem aktuellen Team kann die Initiative 200 bis 250 Kundinnen und Kunden bedienen. Sollte die gesamte Stadt von ihrem Service profitieren, wären noch einige zusätzliche Sammlerinnen und Sammler nötig. «Falls sich Menschen aus anderen Quartieren interessieren, unterstützen wir sie mit Know-how, damit das Angebot weiter wachsen kann.»

Abfall, Recycling, Ressourcen

Autorin:

Interview: Bettina Hägeli
Fotos: Bettina Hägeli und Radschaft

Kurzprofil:

Verein Radschaft
Hüslimattstrasse 16
4132 Muttenz

www.radschaft.ch

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