Umweltagenda Basel
«Vorbilder von heute für morgen»
9. – 11. Juni 2017
Freiwillig auf der Jagd nach Neophyten

Im Rahmen des Programms Stadthelfer der Sozialhilfe Basel stehen Sozialhilfeempfänger unter anderem am Rheinbord im Einsatz. Bei der Wettsteinbrücke auf Kleinbasler Seite bekämpfen die Naturranger die Neophyten. Angeleitet werden sie von einem Gärtner, Marcel Kirmser, koordiniert wird das Projekt von Daniel Rüetschi von Pro Natura Basel.

«Einfach nur Geld bekommen und nichts dafür machen, nein, so bin ich nicht aufgewachsen.» René ist Sozialhilfeempfänger – und im zweiten Jahr als Naturranger aktiv. Gerade steht er, gesichert an einem Seil, am Rheinbord bei der Wettsteinbrücke und reisst aus, was dort nicht hingehört. Invasive Pflanzen und Neophyten wie Luzerne, Kanadisches und Einjähriges Berufskraut, Goldrute, Götterbaum, Armenische Brombeere, Sommerflieder und Bocksdorn, dessen Früchte auch teuer als Goji-Beere verkauft werden, verdrängen hier die einheimischen Pflanzenarten. Ob sie nicht auch gleich die Brennnesseln abschneiden könnten, ruft eine Passantin den Männern zu. René bleibt gelassen. Das sei keine Brennnessel, ruft er zurück, sie solle doch mal ein Blatt abreissen und daran riechen.

Man schaut zueinander.
Marcel Kirmser, Inhaber des Gartenbaugeschäfts Natura Gartenbau

Der 56-Jährige ist gelernter Landschaftsgärtner. Hartnäckig habe er auf dem Arbeitsamt nachgefragt – bis man ihm vom Programm Stadthelfer erzählte. Dieses begleitet Klientinnen und Klienten der Sozialhilfe Basel, die in der Freiwilligenarbeit tätig sein möchten. Alle Stadthelfer zusammen leisten monatlich rund 1500 Stunden Freiwilligenarbeit an gut 70 Einsatzorten – unter anderem in Altersheimen, Quartiertreffpunkten, im Tierschutz und eben auch hier am Rhein. Nicht jeder sei für diese anstrengende Arbeit als Naturranger geeignet, sagt Marcel Kirmser. Umso mehr freue er sich über motivierte Helfer, die selbst bei einer „Affenhitze“ wie heute auftauchten – antreiben müsse er hier niemanden. Schon seit sieben Jahren betreut der Inhaber eines Gartenbaugeschäfts, das auf naturnahe Grünanlagen spezialisiert ist, die Naturranger. «Sie schauen zueinander, jeder hilft dem anderen, es ist kurzweilig und macht auch mir Spass.» Es gebe hier unkomplizierte Menschen, aber auch sehr eigenwillige. «Das ganze Spektrum eben. Doch woher die Menschen genau kommen, das geht mich nichts an», betont der Gärtner und Förster, der mit seinen Mitarbeitern einen lockeren Umgang pflegt.

Für die Natur, nicht nur fürs Portemonnaie
Marcel Kirmser, Inhaber des Gartenbaugeschäfts Natura Gartenbau

«Wir halten uns bewusst mit persönlichen Fragen zurück», erklärt Daniel Rüetschi, der die Naturranger als Mandat von Pro Natura Basel betreut und regelmässig bei den Einsätzen vorbeischaut. Einige der Teilnehmenden hätten einen sehr schwierigen Lebenshintergrund. «Für uns steht im Vordergrund, dass wir ihnen jede Woche Erfolgserlebnisse ermöglichen. Wichtig ist, dass sie durch ihre Einsätze eine Tagesstruktur erhalten und aus ihrer Isolation herauskommen.» Müsste man einige von ihnen psychiatrisch betreuen, wäre dies um Welten teurer, gibt der Biologe und promovierte Geograf zu bedenken. Der gebürtige Basler spricht aus Erfahrung: Als Gemeinderat ist er in einer Aargauer Gemeinde für das Ressort Soziales, Gesellschaft und Gesundheit zuständig.

Rüetschi freut es, dass die Sozialhilfeempfänger am Rhein für Naturthemen sensibilisiert werden können. Ihm liegt die Umwelt sehr am Herzen. Die Umweltkatastrophen von Tschernobyl und Schweizerhalle hatten ihn als Teenager zu seinen eigenen ersten freiwilligen Einsätzen für Pro Natura motiviert. «Den Geruch von Schweizerhalle, der tagelang über der Stadt hing, habe ich bis heute in der Nase.» Der 48-Jährige, der mit Kollegen die Umweltberatungsfirma GeoServe GmbH betreibt, betreut im Mandat auch die Reservate von Pro Natura Basel und ist zudem bei Pro Natura Teilzeitangestellter. Privat lebt Rüetschi ebenfalls klimabewusst. Ihn dürfe man auch als Vorbild bezeichnen, stimmt Marcel Kirmser zu: Auf synthetische Düngemittel verzichtet seine Firma Natura Gartenbau schon seit 25 Jahren und setzte damals auch eines der ersten Elektromobile ein: «Ich will etwas für die Natur und nicht nur fürs Portemonnaie machen.»

Bei der Arbeit erleben die Sozialhilfeempfänger die Schönheit der Natur.
Daniel Rüetschi, Betreuer der Naturranger im Auftrag von Pro Natura

Seit 2006 existiert in Basel für Sozialhilfeempfänger die Möglichkeit, sich in der Naturschutzpflege zu engagieren. Dank ihnen und mit Unterstützung der Otto Erich Heynau Stiftung, der Christoph Merian Stiftung und der Gemeinde Riehen konnte auf dem Bechtle-Areal beim Bäumlihofgut zwischen Riehen und Basel eine ehemalige Rhododendrongärtnerei in einen Naturgarten mit Wildobststräuchern umgewandelt werden. In diesem Pro-Natura-Reservat fühlen sich inzwischen Fuchs, Dachs, Gartenrotschwanz sowie diverse Arten von Schmetterlingen und Heuschrecken wohl. Am Rheinbord leisten die Stadthelfer seit mittlerweile elf Jahren bis zu 40 Einsätze pro Jahr. Das Projekt, das finanziell von der Sozialhilfe Basel und der Stadtgärtnerei getragen wird, hat positive Folgen für die Natur, und besonders zur Blütezeit im Juni lohnt sich hier ein Spaziergang. Auch die Naturranger sind begeistert; einige von ihnen machen schon seit Anfang mit, sogar bereits Pensionierte sind noch regelmässig mit von der Partie. Rüetschi freut sich, dass hier Menschen am Rande der Gesellschaft durch die Arbeit unter freiem Himmel die Schönheit der Natur erleben können – und dies, ohne dass sie etwas dafür bezahlen müssen.

Pflanzen

Autorin:
Text: Regula Wenger
Fotos: Regula Wenger


Programm Stadthelfer
Fachstelle Soziale Integration
Sozialhilfe Basel
Hardstrasse 95
Postfach 4067
4002 Basel

www.stadthelfer.ch

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