Umweltagenda Basel
«Vorbilder von heute für morgen»
9. – 11. Juni 2017
Den Abfall sichtbar machen
Flavia Caviezel, «Times of Waste»

Mit Abfall möchte kaum jemand etwas zu tun haben. Diesem Phänomen wirkt Flavia Caviezel entgegen. Als künstlerische Forscherin realisierte sie gemeinsam mit ihrem Team die Wanderausstellung «Times of Waste – Was übrig bleibt». Damit will sie ein Bewusstsein schaffen für das, was wir hinterlassen.

Wir werfen Abfälle achtlos in den Kehrichtsack. Ist dieser voll, kommt er in den Container hinter dem Haus oder an den Strassenrand: aus den Augen, aus dem Sinn. Mit Abfällen möchte sich möglichst niemand auseinandersetzen. Doch es gibt Ausnahmen: Flavia Caviezel beschäftigt sich intensiv mit dem, was von unserem Konsum übrig bleibt. Sie will Abfall den Menschen näherbringen und vereint dabei Wissenschaft mit Kunst.

Wir leben in einem <Wasteozän>
Flavia Caviezel, Projektleiterin «Times of Waste»

Die 55-Jährige arbeitet seit über zehn Jahren an der Hochschule für Gestaltung und Kunst der Fachhochschule Nordwestschweiz. Die Ethnologin dreht Videos und beschäftigt sich damit, wie Abfallmaterialien, Transformationsprozesse und die Wege der Materialien sichtbar gemacht werden können. Im Projekt «Times of Waste – Was übrig bleibt» erzählt das siebenköpfige Forschungsteam aus der Sicht des Abfalls seine Geschichte. «Abfall kann eine kostbare Ressource sein, aber es ist auch etwas, das immer übrig bleibt und das man nicht restlos eliminieren kann.»

Das Team hat eine sogenannte Objektbiografie des Mobiltelefons erstellt. Es erforschte den ganzen Prozess, von der Herstellung bis hin zum Recycling. «Überraschend war, dass am meisten Abfall entsteht, bevor das Smartphone überhaupt in die Hände des Benutzers gelangt», sagt Caviezel. Ursprünglich sollte der Fokus auf den verschiedenen Schritten liegen, wie Abfallmaterialien rezykliert werden. Doch mit der Objektbiografie dehnte sie den Forschungsrahmen aus und konzentrierte sich auf einen bestimmten Stoff: Neodym. Das seltene Erdmetall wird vor allem in der chinesischen Mongolei abgebaut. In Smartphones ist es ein notwendiger Stoff, damit Lautsprecher und Mikrofone funktionieren. Bei der Gewinnung von Neodym bleiben jedoch giftige Schlämme zurück, die inzwischen zu Seen mit einem Durchmesser von bis zu zehn Kilometern angeschwollen sind. «Unsere Epoche ist ein <Wasteozän>. Es fallen Unmengen von Abfallmaterialien an und wir müssen ein neues Verhältnis dazu entwickeln.»

Die Nachhaltigkeit braucht Handeln statt Scham und Beklemmung
Flavia Caviezel, Projektleiterin «Times of Waste»

Die Schweiz ist mit 17 Kilogramm elektronischem Abfall pro Person und Jahr Spitzenreiterin im Produzieren dieses Abfalls. Erst wenige Geräte werden repariert oder wiederverwendet. So wird ein Smartphone durchschnittlich bloss ein bis zwei Jahre lang gebraucht, es hätte aber eine Lebensdauer von fünf bis sechs Jahren. «Ein Umdenken ist nötig. Auch wäre es ökologischer, ein Occasiongerät zu kaufen, als sich ein neues anzuschaffen», sagt Caviezel. Sie glaubt, dass der persönliche Beitrag durchaus eine Wirkung hat, selbst wenn er im globalen Vergleich verschwindend klein ist.

Debatten über den Klimawandel, die Umweltverschmutzung und den Rohstoffverschleiss lösen oft Angst und Beklemmung aus. Caviezel hofft, dass diese Gefühle in ein Handeln münden und nicht in einer Lethargie enden. «Es braucht grosse Schritte, insbesondere durch Gesetze, wie sie zum Beispiel die Konzernverantwortungsinitiative vorschlägt. Aber diese können nicht von heute auf morgen verabschiedet werden.» Caviezel selbst leistet ihren Beitrag, indem sie auf dem Markt regionale Produkte einkauft und sich bei einer Neuanschaffung überlegt, ob diese tatsächlich notwendig ist. Ihre Wanderausstellung «Times of Waste» wird nach Winterthur, Basel und New Jersey von Januar bis März in Berlin gezeigt. «Abfall aus wissenschaftlich-künstlerischer Perspektive zu betrachten, das wird mich auch in Zukunft weiter beschäftigen.»

Abfall, Recycling, Ressourcen

 

Autorin: Lorena Castelberg

Fotos: Lorena Castelberg und zVg

Kurzprofil:

Fachhochschule Nordwestschweiz
Hochschule für Gestaltung und Kunst
Institut Experimentelle Design- und Medienkulturen
Flavia Caviezel
Freilager-Platz 1
4002 Basel

https://times-of-waste.ch/de/home/

 

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