Umweltagenda Basel
«Vorbilder von heute für morgen»
9. – 11. Juni 2017
Schenkplausch statt Kaufrausch
Désirée Nüesch, Gründerin «Unkommerzieller Marktplatz Basel»

Häufig streben wir nach dem neusten, besten und erst noch günstigsten Angebot – und ersetzen es im selben Atemzug durch das nächstbeste. Désirée Nüesch, eine junge Künstlerin, zeigt mit ihrem virtuellen Gratismarkt, dass es auch anders geht.

«Gratis zum Mitnehmen», mit einer solchen Notiz stehen regelmässig Bücherkisten und Küchenstühle auf dem Trottoir. Doch es geht auch geordneter: Auf dem «Unkommerziellen Marktplatz Basel» findet sich von Büroklammern über Tischlampen bis zu Wanderschuhen nahezu alles, was das Herz begehrt. Der virtuelle Gratismarkt für Gegenstände aller Art entstand vor vier Jahren nach einer Idee aus Zürich. «Als Kunststudentin an der Hochschule für Gestaltung musste ich lernen, mit wenig Geld auszukommen», sagt Désirée Nüesch. So erkannte die 29-Jährige den Wert der Wiederverwendung und übte sich darin, trotz kleinem Künstlerinnenbudget über die Runden zu kommen. Mit zwei Freundinnen gründete sie damals an der Kunsthochschule einen sogenannten Freeshop, einen Gratisbazar mit Büchern, Kleidern und Kunstutensilien für Studierende.

Vom realen Bazar wechselte Nüesch zur Social-Media-Plattform Telegram. In der Chat-Gruppe «Unkommerzieller Marktplatz Basel» können Gebrauchtwaren gratis angeboten oder Anfragen für gesuchte Gegenstände getätigt werden. Was den unkommerziellen Marktplatz auf Telegram von herkömmlichen Plattformen wie Tutti, Ricardo oder etwa dem Unimarkt unterscheidet: Die Gegenstände haben keinen Geldwert und werden nur verschenkt. Findet also jemand das gewünschte Objekt, müssen bloss noch Ort und Zeit der Gratisabholung festgelegt werden – und schon hat die Vase eine neue Besitzerin gefunden.

Wir brauchen dringend einen Wertewandel.
Désirée Nüesch

«Anfangs waren es nur 20 Userinnen und User aus meinem Umfeld», erklärt Nüesch. Mittlerweile zählt die Plattform knapp 3000 Mitglieder. Und so wird auch die Betreuung der Plattform zur Herausforderung: Das Team der Administration umfasst bereits sieben Freiwillige, die den Chat laufend verfolgen. Wichtig ist Nüesch – neben der kostenlosen Weitergabe von Gebrauchsgegenständen – die Botschaft, die sie mit ihrer Aktion aussendet: «Wir brauchen dringend einen Wertewandel.» Die Menschen sollten einen bewussteren Bezug zu materiellen Gütern entwickeln und verantwortungsvoller konsumieren. Deshalb freut sich die Absolventin der Kunstschule über die rege Beteiligung der Plattformnutzerinnen und -nutzer.

Neben den geschenkten Dingen bereiten auch die neuen Begegnungen Freude.
Désirée Nüesch

Als kleines Mädchen schon hat Désirée Nüesch ihre Affinität zur Onlinewelt und im Speziellen zum Chatten entdeckt. «Ich bin mit dem Internet gross geworden», so die auch politisch Engagierte. Sie habe immer schon gerne kommuniziert, vor allem über Chats, wo sich Leute von überall begegnen und austauschen. Der «Unkommerzielle Marktplatz Basel» habe ihr aufgezeigt, wie wertvoll solche Kontakte seien. «Es sind nicht nur die Dinge, die Freude bereiten, sondern auch die Begegnungen – die soziale Komponente der Plattform», erzählt Nüesch. Immer wieder beobachtet die Initiantin, wie hilfsbereit und grosszügig die Menschen sind. Oft suchten sie über die Plattform Hilfe – etwa beim Zügeln oder wenn sie den Rat und die Erfahrung anderer benötigen. Nüesch: «Es ist beeindruckend, wie sich die Menschen füreinander einsetzen.»

Publiziert im Dezember 2020

Gesellschaft, Wirtschaft

Autoren
Text: Sara Meier
Fotos: Bettina Hägeli

Kurzprofil
Desirée Nüesch
Unkommerzieller Marktplatz Basel
Messenger-Plattform Telegram

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