Umweltagenda Basel
«Vorbilder von heute für morgen»
9. – 11. Juni 2017
So kommt das Velo in die Gänge
Martin Heer, Veloflickkursanbieter und Inhaber marVELOus

Der Pneu ist platt, die Bremsen quietschen und das Licht ist wieder mal k. o. Der Fahrradmechaniker Martin Heer zeigt in seinem Veloflickkurs, wie wir den Drahtesel in Eigenregie wieder auf Vordermann bringen.

Hier noch etwas Luft und da noch etwas Öl: In der Velowerkstatt «marVELOus» an der Allschwilerstrasse 6 sind gleich drei Mechaniker am Werk. Für die meisten heisst es aber nun Feierabend, um kurz vor halb sieben an diesem Mittwochabend. Nur Inhaber Martin Heer macht eine Extrarunde und wird vom Mechaniker zum Kursleiter. Im Auftrag von Pro Velo beider Basel verrät er nützliche Tipps und Tricks zum Veloflicken. Denn so manch ein Schönwetterfahrer kommt kaum am Boxenstopp beim Profi vorbei. So muss es aber nicht sein, meint Judith: «Ich bin praktisch täglich mit dem Velo unterwegs, da will ich diese Handgriffe endlich selbst beherrschen», meint die 39-Jährige. Judith ist heute die einzige Teilnehmerin – zwei weitere Personen sind kurzfristig verhindert. In einer Privatlektion kann sie umso mehr vom Know-how des Veloexperten profitieren. Den Kursinhalt plant Martin nicht im Voraus, sondern lässt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bestimmen, was er ihnen beibringen soll. Ein fairer Deal, denn für 50 Franken lassen sich in 90 Minuten einige nützliche Tricks verklickern. «Hilfe zur Selbsthilfe» ist das Credo von Roland Chrétien, Geschäftsführer von Pro Velo beider Basel: «Mit dem Kurs von Pro Velo beider Basel schaffen wir ein attraktives Angebot für das Einmaleins des Veloflickens.»

Der richtige Handgriff ist oft nützlicher als jedes Werkzeug.
Martin Heer

Der heutige Patient, Judiths rotes Rennvelo der Marke «Argon 18», hat ein klassisches Leiden: den gemeinen Platten. Den Ersatzschlauch hat sie gleich selbst mit dabei: Das 28 bis 40 Millimeter breites Modell passt jedoch nicht optimal. Aber keine Sorge, in der Werkstatt des Velodoktors gibt es für praktisch jeden Fall das passende Ersatzteil. «Für die schmalen Räder deines Rennvelos reicht ein Schlauch mit einer Breite von 18 bis 28 Millimetern», erklärt der Experte. Je nach Modell kann der Schlauchwechsel aber ganz schön knifflig sein: Zuerst muss der Pneu vom Felgen gelöst werden. Nachdem die Luft aus dem Schlauch entfernt wurde, greift man mit einem kleinen Plastikhebel unter den Rand des Reifens und stülpt ihn über die Felge. «Ich bin aber kein Fan von diesem Hilfsinstrument», sagt Martin. Denn damit verletze man womöglich den Schlauch. Der Profi hat einen anderen Trick: Am besten drückt man von Hand einen der beiden Pneuränder dem Rad entlang in die Mitte der Felgendelle. So wird Platz frei zwischen der Felge und dem anderen Pneurand, um diesen aus der Felge herauszudrücken. Hat man eine Seite des Pneus befreit, kann die zweite relativ locker über den Rand gehoben werden.

Satte Reifen sind die halbe Miete.
Martin Heer

«Mit dem neuen Schlauch wird derselbe Vorgang in der umgekehrten Richtung wiederholt», sagt der Profi. Hat man seinen Platten behoben, kommt mit dem Pumpen der wichtigste Schritt, um sein Zweirad wieder zum Rollen zu bringen. «Genug Luft in den Rädern ist das A und O», stellt der Experte klar. Idealerweise kontrolliert man die Reifen alle vier Wochen. «Standpumpen mit Druckanzeige sind klar von Vorteil», sagt Martin. Er empfehle, immer bis aufs Maximum des angegebenen Druckbereichs aufzupumpen – dieser ist auf jedem Reifen angegeben. Ist der Pneu allerdings in ganz schlechtem Zustand, mag ein kompletter Reifentausch wohl sinnvoller sein.

Mit den Kunden zusammen zu werken – das mag ich sehr an den Kursen.
Martin Heer

Zu guter Letzt gehts ans Getriebe: «Zuerst kratze ich mit etwas Spitzem den groben Dreck weg», erklärt Martin. Dann kommt eine gute Portion Öl auf die Kette, um den übrigen Schmutz zu lösen. Nach kurzem Einwirken lässt sich dieser ganz einfach mit einem Lappen abwischen. Und Achtung: Finger weg von Öl-Sprays! Heikle Veloteile wie Bremsscheiben könnten so aus Versehen einen Spritzer abbekommen, was die Funktion beeinträchtigt. Sind Bremsbeläge ausserdem zu stark abgefahren, reibt Stahl auf Aluminium und es drohen gefährliche Schäden. Auf Bremsbacken gibt es deshalb meist eine entsprechende Kennzeichnung: Ist der Bremsbelag bis zu dieser Markierung abgefahren, muss er ausgewechselt werden. Bei Scheibenbremsen ist ein Tausch nötig, sobald der Belag nur noch einen Millimeter dick ist.

Ob Backen oder Scheiben – wie ein Bremsentausch funktioniert, lernt man am besten Hand in Hand mit dem Profi. «Das ist das Schöne an den Kursen», schwärmt Martin. «Wenn man die Velos mit den Kunden zusammen repariert, können sie es sich abschauen und wissen gleich fürs nächste Mal, wie man es macht.» Aber auch ausserhalb der Kurse darf dem Profi gerne über die Schultern geschaut werden, meint Martin: «Ich bin es mittlerweile gewohnt und die Kundschaft schätzt es sehr.»

Publiziert im Juni 2021

Mobilität

Interview: Sara Meier
Fotos: Sara Meier

Kurzprofil
marVELOus
Martin Heer
Allschwilerstrasse 6
4055 Basel
www.mar-velo-us.com

Informationen und Anmeldung zu Veloflickkursen
Geschäftsstelle Pro Velo beider Basel
Dornacherstrasse 101
4053 Basel
061 363 35 35
Veloflickkurse
info(at)provelo-beiderbasel.ch
 

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